Kastration einer juvenilen Hündin?


von Dr. med. vet. Jürgen Rabeler
Die unerwünschte Trächtigkeit von Hündinnen ohne Zuchtzulassung muss unbedingt verhindert werden! In letzter Zeit wird über den Vorschlag gestritten, diese Hündinnen schon vor der ersten Läufigkeit ovariohysterektomieren (=Entfernung von Eierstock, Eileiter und Gebärmutter) zu lassen. Die wichtigsten Auswirkungen und Risiken dieser Maßnahme werden für den medizinischen Laien verständlich dargelegt, Vergleiche mit anderen Techniken zur Fortpflanzungskontrolle angestellt.
1. Sicherheit
  Ohne Zweifel schließt die Entfernung der Eierstöcke (=Kastration) eine Trächtigkeit sicher aus. Eine Sterilisation (=Unterbrechung der Eileiter) ist nicht so sicher. Die Hündin wird noch läufig.
Die hormonelle Unterdrückung der Läufigkeit gelingt nicht in jedem Fall.
Nach Verhinderung der Nidation (=Einnistung) einer befruchteten Ei­zelle durch Östrogene kann sich umgehend eine zweite Läufigkeit mit Deckbereitschaft anschließen.
Wer nur „aufpassen“ will, muss wissen, dass das nur gelingt, wenn Besucher, Familienmitglieder, Zufall und Passanten mitspielen.
2. Gesundheit
  A. Einfluss auf Krebs und andere Erkrankungen von Milchdrüse und Gebärmutter
    Die Gefahr, später an Milchdrüsenkrebs zu erkranken, ist nur durch Kastration vor der ersten Läufigkeit fast vollständig gebannt. Bei späterer Kastration, bis zum Alter unter 2 ½ Jahren, ist die Häufigkeit für das Entstehen bösartiger Mammatumoren noch auf 25% verringert. Kastrationen danach hemmen die Entstehung von Krebs nicht mehr. Gutar­tige Tumoren jedoch, immerhin 60-80% aller Tumoren der Milchdrüse, werden auch durch diese späten Kastrationen verhindert.
Wie sieht das bei den Alternativen aus?
Eine Unterdrückung oder Verschiebung der Läufigkeit birgt das hohe Risiko von Metropathien: Pyometra, Mukometra und glandulärzystischer Hyperplasie (=Vereiterung, Verschleimung bzw. zystische Entartung der Gebärmutter). Die hormonelle Nidationsverhütung nach einem Deckakt ist noch riskanter: Gebä­mutterkrebs und Pyometra. Tumoren der Vagina und der Gebärmutter spielen bei Hündinnen kaum eine Rolle.
  B. Nebenwirkungen der Kastration
    1. Fettsucht
      Die Kastration führt zu mehr Appetit, besserer Futterverwertung und damit zu mehr Fettansatz. Der konsequente Halter kann das durch Futterrestriktion ausgleichen.
    2. Haarverlust
      Bei einigen Hündinnen wird ein symmetrischer Haarausfall an den Flanken beobachtet. Das kann mit Östrogenen behandelt werden. Nebenwirkungen: Es droht eine Knochenmarks-Depression mit Blutgerinnungsstörungen und Abwehrschwäche gegen bakterielle Erkrankungen.
    3. Welpenfell
      Bei langhaarigen Rassen kommt es nach Kastration der Hündin manchmal zu einem übermäßigen Wachstum der Unterwolle. Das glänzende dickere Deckhaar wird überwuchert. Das Ergebnis ist ästhetisch ein Desaster.
    4. Vulvapyodermie
      Bei früh kastrierten, fetten Hündinnen kann es sein, dass sich die kleinen Schamlippen einziehen und mit der Haut des Dammes eine tiefe Falte bilden. Darin kommt es häufig zu hartnäckigen eitrigen Entzündungen, die schwer zu therapieren sind.
    5. Körperbau und Kopfform
      Ohne den Einfluß der im Ovar gebildeten Östrogene und Androgene werden Hündinnen langbeiniger und haben weniger Muskeln. Ihr Schädel bleibt schmal und relativ klein.
    6. Harnträufeln
      Diese relativ häufige Kastrationsfolge kann in 90% der Fälle durch adrenalinähnliche Medikamente abgestellt werden. Mögliche Nebenwirkungen: Erhöhter Blutdruck, Ängstlichkeit und Rastlosigkeit. Hündinnen mit Herz­rhythmusstörungen dürfen das Medikament nicht erhalten. Diese Hündinnen werden mit Östrogenen behandelt – Gefahren siehe B2. Haarverlust.
    7. Diabetes Mellitus
      Kastrierte Hündinnen erkranken nur knapp halb so häufig an Diabetes Mellitus wie intakte Hündinnen.
    8. Psyche
      Blinden- und Schutzhunde dürfen nicht vor der ersten Läufigkeit kastriert werden. Diese Hündinnen seien weniger lernfähig. Eine gewisse Trägheit und vermehrte Anhänglichkeit wird kastrierten Hündinnen bescheinigt. Nur sexuell intakte Hündinnen sollen eine typische Persönlichkeit entwickeln.
3. Praktische und finanzielle Überlegungen
  Eine frühe Totaloperation vereinfacht die Haltung einer Hündin zweifellos. Finanziell belastet sie eher weniger als die Hormoninjektionen im Abstand von 4 Monaten. Teure Operationen wegen Krebs oder Pyometra sind nur nach der Ovariohysterektomie nicht mehr zu befürchten.
4. Ethische Einschätzung
  Skrupel vor der Körperverlet­zung und davor, der Hündin die Chance genommen zu haben, sich wie von der Schöpfung vorgesehen zu entwickeln, konkurrieren mit der Genugtuung, unerwünschten Welpen eine Odyssee durch Tierheime erspart zu haben. Die Abwendung gesundheitlicher Gefahren kann von beiden Standpunkten in Anspruch genommen werden.
5. Schlussbetrachtung
  Wer aktiv ist, viel Freude in Freizeit und beim Sport mit seiner Hündin hat und sie als ästhetischen Genuss empfindet, wird nie auf die Idee kommen, seine vierbeinige Freundin schon vor der Pubertät zu verstümmeln. Frühkastrierte Ausstellungstiere genügen nur zur Belustigung. Einsame und gebrechliche Menschen dagegen freuen sich, eine liebe Kameradin zu haben, die weder unerwünschten Rüdenbesuch provoziert, noch eine hygienische Überforderung des Halters bedeutet und auch nicht so leicht an Tumoren erkranken kann.