Der optimale Deckzeitpunkt


von Dr. med. vet. Jürgen Rabeler
Wer sich als Züchter Mühe gibt und seine läufige Zuchthündin nicht zum nächsten Rüden um die Ecke in Pension schickt, muss eine Reise planen. Das kann für den Züchter, der den optimalen Deckzeitpunkt nicht weiß, eine längere „Urlaubsreise" werden und seinen Alltag ganz schön durcheinander bringen.
Klappt es mit dem Decken nicht, wird entweder der Deckrüde verantwortlich gemacht oder behauptet: „Die Hündin zickt!". Wird dann aber beim nächsten Mal eine zuverlässige Deckzeitbestimmung durchgeführt, läuft der Deckakt meistens ohne Komplikationen.
Wann ist der optimale Deckzeitpunkt?

Die Eizellen müssen nach dem Follikelsprung noch eine post-ovulatorische Reifung erfahren. Die Konzeption (Empfängnis) ist deswegen erst zwischen dem zweiten und dem fünften Tag nach der Ovulation möglich. Das ist der Zeitraum für mögliche Decktermine. Der Deckakt sollte im Idealfall in der ersten Hälfte dieses Zeitraumes stattfinden.
Dem Züchter stellt sich die Frage, wie er mit vertretbarem Kostenaufwand diesen Zeitpunkt erkennt. Eine Reihe von Erscheinungen erlauben es, Rückschlüsse auf die Nähe des Konzeptionszeitpunktes zu ziehen.
Welche Methoden zur Feststellung des Deckzeitpunktes stehen zur Verfügung?

A: Äußere Methoden
B: Innere Methoden
C: Progesteronbestimmung
D: Sonographie (Untersuchung mit einem Ulltraschallgerät)
 
A: Äußere Methoden: Beurteilung der Vulva und des Scheidensekretes, Duldungsreflex
Die Schamlippen sind:
- Schlaff und weich bis 10 Tage vor der Läufigkeit
- Prall und anschwellend während der Follikelreifung bis kurz vor der Ovulation
- Zunehmend teigig ab einem Tag vor der Ovulation
- Faltig und geschrumpelt während der Trächtigkeit
Die Beurteilung der Schamlippen ist unzuverlässig und gibt nur grobe Anhaltspunkte, weil sie erstens nicht objektiv messbar ist und zweitens individuell von Hündin zu Hündin unterschiedlich ausgeprägt sind.
 
Der Läufigkeitsausfluss ist
- am Anfang der Läufigkeit blutrot
- gegen Ende der Läufigkeit fleischwasserähnlich, versiegend
Man sollte immer auch die Rute und die Innenschenkel auf Sekretspuren untersuchen.
Es gibt starke individuelle Schwankungen. Der Extremfall ist die Ovulation ohne jeglichen Ausfluss (verdeckte Läufigkeit). Sollte der Ausfluss farblich sowie geruchlich verdächtige Beimengungen aufweisen, ist sofort der Tierarzt zu Rate zu ziehen.
 
Der Duldungsreflex
- die Hündin präsentiert dem Rüden oder einer anderen Hündin ihr Hinterteil und hebt ihre Vulva an, bei Nähern eines Artgenossen oder spätestens bei Berührung hebt sie die Rute zur Seite. Dieser Reflex stellt sich bei einigen Hündinnen über einen Zeitraum von bis zu 14 Tagen ein, (viele Hündinnen präsentieren zuerst, beißen den Rüden dann aber bei Aufreitversuchen ab) bei anderen Hündinnen ist der Duldungsreflex nur 24 Stunden zu beobachten.. Angesichts der Tatsache, dass der Konzeptionszeitraum (der Zeitraum, in dem eine Empfängnis möglich ist) 2 bis 4 Tage dauert, ist die Beobachtung des Duldungsreflexes alleine kein zuverlässiges Zeichen.
Alle Äußeren Methoden können durch den Züchter angewendet werden, sind aber nur sehr grob und unpräzise. Trotzdem kann der erfahrene Züchter, dem seine Hündin vertraut ist, oft allein damit zurechtkommen.
 
B: Innere Methoden: Vaginoskopie und Vaginalzytologische Untersuchung
Vaginoskopie (Betrachtung der Scheidenschleimhaut durch ein Scheidenspekulum). Die Scheidenschleimhaut ist:
- Im Anöstrus (bis 10 Tage vor dem ersten Blutstropfen) flach und kaum gefältet. Die Scheide ist als Hohlraum sichtbar.
- Im Proöstrus (kurz vor und zu Beginn des ersten blutigen Ausflusses) glatte, große, runde, blass glänzende Falten engen das Scheidenlumen ein.
- Um den Ovulationszeitraum sind diese Falten zunehmend geschrumpft
- Am Ende der Konzeptionsbereitschaft ist die Faltenschrumpfung soweit fortgeschritten, dass eine krepppapierartige Struktur zu erkennen ist.
- Vaginalzytologische Veränderungen (Wandel der Zellen der Scheidenschleimhaut vom dem Scheidendach, kurz vor dem Muttermund)
- Im Anöstrus sind fast nur Basal- und Parabasalzellen (junge, sich noch teilende Schleimhautzellen) zu sehen.
- Vom Beginn der Läufigkeit Bis zum Decktermin werden die Schleimhautzellen zunehmend älter, ihr Zellkern wird unsichtbar, weil sie verhornen. Die Zahl der weißen Blutkörperchen nimmt zu.
Abgesehen davon, dass nur der Tierarzt diese inneren Untersuchungen durchführen kann, sind sie ungenau, nicht objektiv messbar und eher als antiquiert anzusehen. Anderseits können dabei Veränderungen entdeckt werden, die einer Trächtigkeit entgegenstehen. (Tumore, Missbildungen, Verletzungen und Infektionen).
 
C: Progesteronbestimmung im Blutserum
Progesteron ist das Hormon, das die Trächtigkeit aufrecht erhält. Kurz vor dem Eisprung beginnen einige Zellen im Follikel (das mit Flüssigkeit gefüllte Bläschen, in dem die Eizelle schwimmt) dieses Hormon freizusetzen. Nach der Ovulation (Eisprung) füllt sich die gesamte Ovulationshöhle mit diesen Zellen (Gelbkörperzellen), und die Produktion dieses Hormons steigt rasant an. Die Phase dieses Progesteronanstiegs fällt also genau in die Zeit vor und um den Decktermin.
Verschiedene, auch vom tierärztlichen Praktiker einsetzbare, Testkits zur Progesteron-Bestimmung sind im Handel. Zum Teil haben sie sich als zu ungenau oder fehlerhaft erwiesen und Tierärzten sowie Züchtern Frustrationen beschert. Einige Hersteller mussten wegen diverser Qualitätsprobleme die Lieferung unterbrechen. Deswegen sind auch nicht alle Tierärzte von dieser Methode der Deckzeitbestimmung begeistert.
Ich habe nach anfänglichen Enttäuschungen einen Test gefunden, der zwar zuerst etwas umständlich in der Anwendung erscheint, mir aber, nach Einübung, seit 1 ½ Jahren absolut zuverlässige Messergebnisse liefert. (Hormonost, Schnelltest Hündin, Biolab München)
Zwei Tage vor der Ovulation lassen die ansteigenden Progesteronwerte erkennen, dass es losgeht. Bei Hündinnen, die sich in der Vergangenheit schwer oder gar nicht decken ließen, sollte ab jetzt täglich ein Test durchgeführt werden, damit der erste Tag der Konzeptionsbereitschaft gleich genutzt werden kann. Zur Sicherheit kann nach 2 Tagen ein weiterer Deckakt versucht werden - nach meiner Erfahrung eher überflüssig. Sollte die Hündin bei Beginn der ermittelten Konzeptionsphase ausnahmsweise noch nicht stehen, ist der Deckakt einen Tag später erneut anzusetzen. Wichtig ist in jedem Fall, dass versucht werden muss, den ersten Tag der Konzeptionsbereitschaft zu erwischen, weil einige Hündinnen wirklich nur an einem Tag „stehen".
 
D: Sonographie (Ulltraschall-Untersuchung der Eierstöcke)
Der geübte Anwender dieser Methode kann nicht nur die Follikel sehen und auch vermessen, er kann, bei Untersuchungen in kurzen Abständen, auch den Ovulationzeitpunkt feststellen. Zweieinhalb Tage danach kann der erste Decktermin arrangiert werden.
Der Vorteil dieser Methode ist, dass Veränderungen am Eierstock oft erkannt werden können. Da diese Veränderungen, meistens Zysten oder Tumoren, oft Einfluss auf den Hormonstatus der Hündin haben, können sie aber auch nach Progesterontests diagnostiziert werden.
Zusammenfassung:

Wer als Züchter Erfahrung und eine unkomplizierte Hündin hat, kann selbst die äußeren Methoden zur Ermittlung des Decktermins erfolgreich anwenden, wenn sowohl Hündin als auch Rüde zuchthygienisch unbedenklich sind.

Vaginalzytologie und Vaginoskopie sind allein nicht genau genug, um den Decktermin zu ermitteln.

Es gibt einem zuverlässigen Progesterontest zur Bestimmung des Decktermins.

Sonographie ist zwar teuer, aber auch in der Lage, den Decktermin zu ermitteln. Sie ist eher die Methode der Wahl für die frühe Trächtigkeitsdiagnose, ab dem 23. Tag nach dem Deckakt.

Züchter sollten einen Tierarzt aufsuchen, der im Zuchtgeschehen engagiert ist und Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Kommunikation mit befreundeten Züchtern hilft, einen geeigneten Tierarzt in der Nähe zu ermitteln.