Der Alte Hund


von Dr. med. vet. Jürgen Rabeler
Der Golden Retriever ist in erster Linie ein Familienhund und ein Freund seines Besitzers. Als solcher ist er uns ans Herz gewachsen. Familienmitglieder entsorgt man nicht einfach bei Auftauchen des ersten Problems. Deswegen müssen wir uns alle mit dem Problem des alternden Hundes auseinandersetzen und uns auf die Veränderungen unseres Freundes einstellen. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Alterungsprozess unseres Vierbeiners ist lehrreich für uns und fördert unseren eigenen Reifungsprozess.
Wie schnell altert ein Hund?

Früher hat man das Hundealter bestimmt, indem man seiner Lebensjahre mit der Zahl sieben multipliziert hat. Das ist überholt. Man nimmt heute an, dass Welpen doppelt so schnell altern, sie nach einem Kalenderjahr einem ca. 14-jährigen Menschen entsprechen. Im mittleren Alter reduziert sich der Alterungsprozess auf den alten Faktor sieben. Bei alten Hunden geht es noch langsamer, ab dem zehnten Lebensjahr wird er pro Kalenderjahr nur noch drei bis vier Jahre älter. Dieses Schema kann natürlich an rassetypische Besonderheiten angepasst werden. So gibt es kurzlebige Rassen (z. B. Doggen), langlebige Rassen (z. B. die meisten kleinen Rassen), sowie Spätentwickler und frühreife Rassen.
Was ändert sich bei jedem alternden Hund?

Der Muskelanteil und auch das Stütz- und Bindegewebe verringern sich im Alter, auch in den Gelenken, weil die Zellerneuerung in allen Geweben zunehmend langsamer vonstatten geht.
Die Zahl der zentralen und peripheren Nervenzellen nimmt ab, weil sich immer mehr Abfallprodukte in diesen Zellen sammeln.
Die Fähigkeit, Fette im Stoffwechsel zu verarbeiten und auszuscheiden nimmt im Alter ab. Der Anteil des Fettgewebes erhöht sich bei gleichbleibender Lebendmasse.
Der Organismus verringert seine Fähigkeit, Wasser zu speichern. Sein Fell wird stumpf und struppig. Der Verdauungsapparat wird träger. Ausscheidungen von Medikamenten und Giften brauchen mehr Zeit.
Diese Verschleißerscheinungen reduzieren sein Wahrnehmungsvermögen (Sehen, Hören, tasten und Riechen), vermindern die Elastizität und Belastbarkeit seines Körpers. Sie lassen den alten Hund seine Gelenke spüren. Er vermeidet deswegen viele unnötige Bewegungen, sein Gang wird steif. Er wird langsamer und braucht viel mehr Schlaf.
Außerdem kennt unser langjähriger Begleiter viele Reize, die für den jungen, noch lernenden Hund neu und aufregend sind, schon aus dem FF. Er braucht nicht mehr so alert zu sein. Folglich nimmt er viele Reize zwar noch wahr, reagiert aber darauf oft mit Verzögerung, oder gar nicht mehr. Irgendwann wird er hilfsbedürftig und manchmal sogar ein Pflegefall.
Wie füttere ich den alten Hund?

Das Futter für unseren alten Freund hat folgende Aufgabe:
Es hat den gleichen Körper zu erhalten, muss sich auf weniger Aktivität einstellen, also weniger Energie zur Verfügung stellen. Die Futterration muss:
1. Weniger Energie (Fette und Kohlehydrate) enthalten.
2. Protein und Mineralstoffe wie beim normalen erwachsenen Hund bieten.
3. Mehr wasserlösliche Vitamine (Vitamine der B-Reihe und Vitamin C) als beim erwachsenen Hund haben.
4. Genügend aber auf keinen Fall überdosierte fettlösliche Vitamine A, D, K und E beigemischt eingemischt bekommen. Vorsicht! Zuviel davon kann toxisch (giftig) wirken.

Wie bekomme ich eine altersgerechte Futterzusammensetzung?

Sie brauchen kein teures Futter für geriatrische Patienten zu Apothekerpreisen kaufen. Sie bleiben beim gewohnten Qualitätsfutter für erwachsene Hunde. Davon geben Sie Ihrem Pensionär ca. zwei Drittel der normalen Erwachsenenration. Den Proteingehalt erhöhen Sie durch Zugabe von leichtverdaulichem Protein: Hüttenkäse, Eier oder Leber. Multivitamingaben, es dürfen preiswerte Mischungen sein, runden die Diät ab.
Alte Hunde sollten das Futter in suppiger Zubereitung angeboten bekommen, weil sie sonst nicht genügend Flüssigkeit aufnehmen. Für die Zahnpflege gibt es die üblichen Kau-Utensilien von Rindern und Schweinen (Ohren, Nasen, Hornschuhe, Ochsenziemer etc.)

Diese Futterzusammensetzung gilt übrigens auch bei abgemagerten alten Hunden. Diesen leiden nämlich nicht nur an einem Mangel an Fettgewebe, sondern es mangelt ihnen ebenso an Muskel- Stütz- und Bindegewebe.
Hier muss abgeklärt werden, ob dem „Hungerhaken“ das Futter nicht schmeckt (Futterwechsel), sein Gebiss (Parodontose) die Futteraufnahme erschwert oder eine ernste Erkrankung vorliegt.

Welche Krankheiten häufen sich im letzten Lebensdrittel?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier nur kurz erwähnt:
- Erkrankungen der Mundhöhle, vor allem Parodontose und Zahnausfall
- Diverse Arten von Tumoren der Haut, der Gonaden (Hoden bzw. Eierstöcke), Endokriner Drüsen und aller Organe
- Stoffwechselentgleisungen: Altersdiabetes, Morbus Cushing, Unterfunktion der Schilddrüse, Geschlechtshormonausfall mit folgender Harn-inkontinens, Überfunktion der Betazellen der Bauchspeicheldrüse (Unterzuckerung)
- Augenleiden: Erkrankungen der Tränenapparate, der Lider, der Hornhaut, Linsen, Glaskörper und Netzhaut
- Chronische Magen-Darm-Erkrankungen
- Degenerative Erkrankungen des Bewegubgsapparates
- Herz-Kreislauferkrankungen
- Durchblutungsstörungen des Hirns mit mangelnder Wahrnehmung von Sinnesreizen, Schlaganfall
- Chronische Lungenerkrankungen
- Prostatahyperplasien mit Kotabsatzproblemen

Wann sollte ein Nachfolger ins Haus kommen?
Wie reagiert der alte Hund auf einen jungen Neuankömmling in der Familie?


Ist Ihr Hund schon vergreist und eher ein Pflegefall, tun Sie ihm garantiert keinen Gefallen, wenn Sie ihm eine junge „Nervensäge“ vor die Nase setzen, welche die gesamte Aufmerksamkeit der Familie auf sich zieht. Der langjährige Begleiter sollte noch fit sein. Das Beste wäre, wenn alle sieben bis acht Jahre ein neues Familienmitglied in Form eines Welpen hinzukommt, und er vom Seniorhund miterzogen werden kann. Der erfahrene Hundebesitzer hat im Laufe des langen Zusammenlebens mit seinem Hund herausgefunden, wie sein Vierbeiner auf Artgenossen reagiert. Eifersüchtige Hunde reagieren eher depressiv, aggressiv oder einfach nur genervt auf die Ankunft eines Welpen. Es ist Ihrer gerechten Aufteilung von Zeit und Zuneigung überlassen, das Zusammenleben der zwei Hunde harmonisch zu gestalten. Auf keinen Fall sollten Sie dem Alten den Rang und die Würde streitig machen. Er bekommt demonstrativ Liebkosungen, immer zuerst das Futter, hat Vortritt beim Verlassen des Hauses etc.. Seinem erhöhten Ruhebedürfnis muss Rechnung getragen wird. Er darf körperlich nicht überfordert werden.

Wann ist der Zeitpunkt für die Euthanasie gekommen?

Diese Entscheidung muss jeder Hundebesitzer selbst treffen. Er trägt hier eine große Verantwortung. Der Tierarzt kann ihn hier nur beraten und darüber aufklären, wann sich das Tier quält (Tierschutzgesetz). Der Verlust eines Hundes stellt für die Familienmitglieder meistens das schlimmste Erlebnis ihres Lebens dar. Es ist für viele die erstmalige Konfrontation mit dem Phänomen des Todes und damit mit der eigenen Sterblichkeit. Bei allen Verlustängsten sollte jedoch in erster Linie der Tierschutzgedanke die Entscheidung beeinflussen, die als letzter Liebesdienst anzusehen ist. Ist die Entscheidung gefallen, hat unser Freund ein Recht darauf, dass die Euthanasie in vertrauter Umgebung, möglichst zuhause stattfindet und die Bezugsperson bei ihm ist, bis er eingeschlafen ist.